FlatPress My FlatPress blog FlatPress Admin 2023 2023-12-06T00:16:23+00:00 Admin ~/ 50 Jahre UFE - Beinahe ein ganzes Leben Teil 17 ~/?x=entry:entry221002-120032 2022-10-02T12:00:32+00:00 2022-10-02T12:00:32+00:00

Kommen wir also in diesem Teil zu dem versprochenen Ereignis. Das war 1997. Wir hatten wieder einmal eine Einladung nach Bonyhád, diesmal zu einer Konzertreise zusammen mit unserem Musikverein. István Oroszki, der damalige Bonyháder Bürgermeister, hatte für uns einen Auftritt in der Slowakei, in Tardoskedd, ein ehemals ungarisches Dorf, organisiert. Das war eine weitere Partnerstadt von Bonyhád. Die Grenzübertritte waren, gelinde gesagt, kompliziert und István Oroszki musste sämtliche Register ziehen. Aber schlussendlich hatten wir es geschafft, gespielt, gesungen und getanzt bis zu unserem letzten Auftritt: Tänze aus Felvidék, eben genau aus dieser Gegend in der Slowakei. Die Folge beginnt mit einem Mädchentanz (12 Mädchen). Es wurde urplötzlich totenstill im Saal, dann unruhig und schließlich sang fast das gesamte Publikum unseren Tanz mit, ebenso die Gesangsteile im Männer- und Paartanz. Die Menschen hatten Tränen in den Augen und uns jagte eine Gänsehaut nach der anderen über den Rücken. Diese Tanzfolge, bzw. die Melodien stammten aus genau diesem Ort. Wir hatten voll ins Herz des Publikums getroffen. Bis heute hat mich kein Auftritt mehr so sehr berührt.
Jahrtausendwende 1999/2000 – was für ein Ereignis!
Wir feierten in großer Runde in der „Alten Mühle“ in Au im Bregenzer Wald. Das bedeutete viel Schnee, Skifahren in allen „Gewichtsklassen“, Schneewandern, gut essen und viel Spaß haben. Erinnert sich noch jemand an die kleine Laura, die vom Balkon im ersten Stock in den Schnee sprang, war ja fast am Geländer? Es dauerte, bis wir sie wieder ausgegraben hatten.
Ab 2000 entwickelte sich auch ein weiteres „Austauschstandbein“. Márti unterrichtete an der Késjár-Csaba-Schule in Budaörs Volkstanz – das war zu der Zeit in Ungarn ein „Wahlpflichtfach“ Zusammen mit der Band Téka organisierten wir in Ungarn und Wernau zahlreiche Folkloreprogramme mit ihrem Tanzensemble. Jetzt kam bei uns die nächste Tänzergeneration voll zum Zug, die Gruppen waren nahezu im gleichen Alter. Die persönlichen Kontakte und kulturellen Austausche, das Feuer der Tradition wurde zwischen Wernau, Bonyhád und Budaörs an die nächste Generation weitergegeben.
Aber ganz so einfach war es dann doch nicht. Bei aller Voraussicht erkennt man manche Entwicklungen leider erst in der Nachschau.
Zu Beginn meiner Berichte befanden wir uns noch in der digitalen Steinzeit, im neuen Jahrtausend machte die globale Zeitenwende auch vor unserer Gruppe nicht halt. Die Anforderungen in Schule, Studium und Beruf wuchsen rasant. Auslandssemester, heimatferne Praktika, Flexibilität bezüglich Arbeitszeit und –Ort war ein absolutes „Muss“. Für unser so zeitintensives und anspruchsvolles Hobby war in der gewohnten Form kaum mehr Platz. Für uns, die wir noch als Tanzleiter fungierten, bedeutete das: die Kids, an die wir den Staffelstab weitergeben wollten, konnten ihn so nicht nehmen. – Was tun??
Bis 2008 haben wir uns noch durchgehangelt, Schwabenbälle und weitere Auftrittsanfragen abgearbeitet, dann war die Luft raus. Wir (der „Restposten“ aus der Gründerzeit) hatten zwar noch Spaß am Tanzen und das wollten wir uns auch nicht nehmen lassen, aber nochmal ein neues Konzept erarbeiten, um die Gruppe am Leben zu halten und in die Zukunft zu führen, das konnte eindeutig nicht mehr unsere Aufgabe sein. Wenn jetzt keiner den Staffelstab nimmt, dann verabschiedet sich das UFE von der Bühne. Eine bittere Entscheidung, aber so ist das Leben.
17_Maresa und ihre Truppe.jpgDass ich heute diesen Blog zum 50-jährigen Jubiläum schreiben darf, verdanken wir Maresa und ihrer jungen Truppe (damals alle weit unter 20 Jahren), die geschlossen aufstanden und sagten: “So geht das nicht! Wir haben Spaß am Tanzen. Wir wissen zwar noch nicht wie, aber wir machen weiter! Das lassen wir uns nicht nehmen!“ Der alte Kampfgeist war wieder da.
Mike übernahm den Gruppenleiterposten und war so gleichzeitig der Hüter unseres Erfahrungsschatzes. Die Kids entwickelten ein eigenes Konzept, angepasst an ihre Lebenssituation und wir konnten uns nach fast 40 aktiven Jahren aufs „Altenteil“ zurückziehen.
Und da sitzen wir heute immer noch, treffen uns 1x wöchentlich, tanzen, unterhalten uns und haben Spaß an der Frage, ob man ungarisch wohl auch mit dem Rollator „tanzen“ kann?
Wir sind dankbar dafür, dass der Samen, den wir gelegt haben, bis heute Früchte trägt und das Feuer der Tradition weitergegeben wird.
Und jetzt wird’s rührselig, aber da müssen wir durch.
Ich freue mich unbändig, dass Maresa, Mike und die ganze restliche Truppe es geschafft haben, trotz aller Widrigkeiten und zum Schluss auch noch Corona, dass wir an diesem Wochenende 50 + 1-jähriges Jubiläum feiern dürfen. Ich ziehe den Hut vor euch – Respekt!
Damit bin ich am Ende meines Blogs, über die Zeit von 2008 bis heute dürfen andere berichten, die näher dran sind. Ich hoffe, es hat euch Spaß gemacht, den Werdegang des UFE unter meinem Fokus mit zu verfolgen.
Ich für meinen Teil bin dankbar, ein Teil dieser Gruppe sein zu dürfen, dankbar für die Menschen um mich herum, die, für wie lange auch immer, mein Leben bereichert haben, mich nach wie vor begleiten und mich zu dem Menschen gemacht haben, der ich bin.
Bleibt gesund!
Eure Babs

50 Jahre UFE - Beinahe ein ganzes Leben Teil 16 ~/?x=entry:entry220926-145710 2022-09-26T14:57:10+00:00 2022-09-26T14:57:10+00:00

16_1996_Ungarn-Freizeit Varoly.jpg1991 – Ein Jahr der Entscheidungen. Bei unserer gruppeninternen Silvesterfeier 90/91 fiel der Satz:“ 1-9-9-1, das sieht schon nicht gut aus, ich hab kein gutes Gefühl für dieses Jahr.“ Und so kam es auch. In einigen Beziehungen, die wir in den vergangenen Jahren ganz empathisch begleitet haben, begann es in der Folgezeit zu knirschen: Das Leben schlug eine neue Seite auf.
Man will es zunächst nicht wahrhaben, redet es sich schön und muss doch der Realität ins Auge schauen: Persönliche Krisen reichen immer in den Freundeskreis hinein (dazu sind Freunde ja auch da). Der kann jedoch tun oder lassen, was er will, er kann es nicht allen recht machen. Wir hatten Gott sei Dank immer eine gute „Redekultur“ und ein vertrauensvolles Fundament, wir konnten die Krisen aus Training, Auftritten und Jugendarbeit zunächst heraushalten.
1996_Ungarn-Freizeit Varoly_139.jpgZur aktuellen Lage: Mittlerweile gab es „Handys“, den sogenannten „Knochen“. 500g schwer und 2.500 DM teuer. Die Mauer war weg, die Wende in vollem Gange und die Öffnung nach Osten barg für uns deutlich weniger Risiken. Wir hatten ab 1991 regelmäßigen Austausch mit verschiedenen Musik- und Folkloregruppen aus der Partnerstadt Bonyhád und wurden zu zahlreichen Veranstaltungen engagiert, die mit Ungarn oder internationaler Folklore im Zusammenhang standen. In Hochzeiten, das hat nix mit heiraten zu tun, waren wir jedes Wochenende unterwegs. Wir kamen mit Trachtenwaschen und –bügeln kaum hinterher. Zum Glück hatte da so manche Mama Mitleid und zückte das Bügeleisen.
Mit dieser Auftrittsflut ging ein straffes Trainingsprogramm und ein enormer administrativer Aufwand einher. Wir waren auf dem Höhepunkt unserer Leistungsfähigkeit angelangt- ins Profilager wollten wir nicht!
Und wieder einmal waren wir gezwungen umzudenken und uns neu zu sortieren.
Die persönlichen Krisen einzelner Tänzerinnen und Tänzer wirkten sich zunehmend aufs Training aus, wir mussten etwas tun!
Am Ende bitterer Gespräche und Diskussionen standen wir ohne führende Tanzleiter da und kurz darauf fehlten auch noch einige gute Tänzerinnen und Tänzer. – Und jetzt??
Jetzt erst recht! Jeder, wirklich jeder der „Zurückgebliebenen“ (das waren viele) hat sich in den Dienst der Gruppe gestellt und Dank der Einstellung „Einer für alle…“ und „Aufgeben ist keine Option“ haben wir die Krise gemeistert, diese Klippe erfolgreich umschifft und wieder etwas fürs Leben gelernt.
Die Kinder- und Jugendgruppen waren ein Grund, auf jeden Fall weiter zu machen. Sie sind das Fundament jeder Vereinsarbeit und sie entwickelten sich prächtig. Sie hatten die „Großen“ als Vorbild und wir Tanzleiter taten alles um ihnen unsere Tänze nahe zu bringen. Die Jungs bekamen Hosenröcke und Stöcke zum Tanzen, die Mädchen neue Röcke, Blusen und Schuhe. Die Tänze wurden immer anspruchsvoller und auch außerhalb des Trainings gaben wir alles, um die Meute bei der Stange zu halten. Wir veranstalteten „Workshops“ in Schulen und demonstrierten, was Volkstanz auch sein konnte: Eine anspruchsvolle Sportart, die nicht jeder konnte und bei der man etwas leisten musste und – man lernte Mädchen und Jungs kennen. Und so rekrutierten sie, die mit 4-6 Jahren angefangen hatten zu tanzen, im Laufe der Jahre Freunde und Klassenkameradinnen und –kameraden und gegeisterten sie für ihre Sportart. Es war eine tolle, äußerst integrative Truppe. In den einzelnen Altersstufen tanzten die Kinder entsprechend ihren Fähigkeiten so lange wie möglich mit. Davon haben alle profitiert.
1996 – „Hurra wir leben noch!“ ein weiteres Jubiläumsjahr.
Das UFE ist 25 Jahre alt. Das musste gefeiert werden. Die Leiterrunde hatte sich mittlerweile fast komplett neu aufgestellt und verjüngt. Das erste Highlight im Jubeljahr war eine 10-tägige Jugendfreizeit (10 – 14 Jahre) im Bonyháder Ferienlager in Vároly. In Kooperation mit dem dortigen Partnerschaftsrat und der Tanzgruppe „Kränzlein“ haben wir ein spannendes Programm mit Tanzlehrgang und Gesangsstunde auf die Beine gestellt. Anreise im Bus – 16 Stunden – Verteilung auf kleine Häuschen mit 8-10 Betten – eine klamme Geschichte – Frühstück und Essen „all inclusive“ im Gemeinschaftshaus – Oje!
Das erste Frühstück, lauwarmer zuckersüßer Tee mit hellblauem und rosafarbenem Rührkuchen hat uns in Staunen versetzt (andre Länder, andre Sitten). Als wir am zweiten Morgen dann den selben Tee mit fettem Speck. Zwiebeln und trocken Brot auf dem Frühstückstisch fanden, mussten wir reagieren. Wir haben umgebucht, selbst eingekauft, zusammen mit den Küchenfeen des Lagers einen entsprechenden Speiseplan aufgestellt und kochen lassen. Ab da lief es rund, die Freizeit war gerettet und ein voller Erfolg. Alles Weitere ist bitte bei den damaligen Teilnehmern zu erfragen.
Weitere Highlights waren nach dem Auftritt 1995 bei der Jubiläumsgala der Firma Daimler-Benz der Auftritt 1996 bei einer Präsentationsveranstaltung der BMW-Niederlassung Stuttgart und schlussendlich unser eigenes großes Gala-Programm mit allen Gruppen, mit dem Volksmusikensemble Téka und Márta Széll aus Budapest und mit anschließendem Tanzhaus im Schlosskeller. Damit ging ein weiteres turbulentes erfolgreiches Jahr zu Ende.
Wir nähern uns unaufhaltsam der Jahrtausendwende. Vorher gibt es jedoch noch ein Ereignis, das sich mir ins Gedächtnis gebrannt hat. Dazu aber mehr in Teil 17.

Bis dahin
Eure Babs

50 Jahre UFE - Beinahe ein ganzes Leben Teil 15 ~/?x=entry:entry220919-184100 2022-09-19T18:41:00+00:00 2022-09-19T18:41:00+00:00

15_1991_Bebenhausen_Gncz.jpgAngekommen im Profilager anno 1987? Wollten wir da überhaupt hin? Diese Frage stellten wir uns zu dieser Zeit gar nicht. Zunächst profitierten wir sehr von der professionellen Herangehensweise für unsere weiteren Auftritte, da griff ein Rädchen ins andere. Wir lernten weiterhin einen neuen ungarischen Tanz pro Jahr und bekamen so ein Spektrum, das sich quer durch Ungarn zog. Unsere Trachten benötigten mittlerweile einen eigenen Schrank (wir hatten für jeden Tanz eine spezielle Tracht, die Mädchen nannten ca. 50 Trachtenteile ihr eigen) und zu Auftritten reisten wir mit Gepäck, das auf „Auswandern“ schließen ließ. Ansonsten machte uns das Gruppenleben einfach Spaß. Wir freuten uns, ein Hobby zu betreiben, das nicht jeder hatte, auf hohem sportlichem Niveau, das jeden seinen Fähigkeiten entsprechend forderte und das uns auch öffentliche Anerkennung einbrachte. Wir hatten den „Volkstanz“ aus seiner angestaubten Ecke geholt.
1989 – Der Vertrag zur Städtepartnerschaft mit Bonyhád war unterschriftsreif, der 1. Festakt sollte in Ungarn stattfinden. Eingeladen war eine große Delegation aus Wernau und die Verwaltung bot alles auf, was unsere Stadt an Kunst, Kultur, Geschichte und Wirtschaftskraft zu bieten hatte – so ca. 150 Menschen und wir mittendrin. Den ersten Teil der Reise bis Graz absolvierten wir mit der Bahn!! In drei Sonderwaggons. Durch unsere bisherigen Ungarnfahrten hatten wir Erfahrung in „Langstreckengruppenreisen“ und die eigens dafür zusammengestellten Liederbücher griffbereit. Die musikalische Begleitung lieferte der Musikverein, auch sie konnten „Lompaliadla“ auswendig spielen, also: Der „Festwaggon“ gehörte uns. Bis München hatten wir uns warm gesungen. Dann – die Bahn war damals schon zuverlässig – mussten wir umsteigen. D.h. die Waggons wurden umgekoppelt, 150 Leute raus auf den Bahnsteig. Stellt euch mal vor: eine Tanzgruppe, ein Musikverein, beide jeweils in Hochform, ein gaaaanz langer Bahnsteig und der „Zillertaler Hochzeitsmarsch“. Wir waren einfach ein „Dreamteam“ und rockten den Münchner Bahnhof bis der bayerische Amtsschimmel in Form einer Polizeistreife zuschlug. Naja, nach klärenden Worten unseres BMs ging Ali mit der Polizeimütze beim „Publikum“ Kreuzerle sammeln. Es war eine unvergessliche Mordsgaudi. In Graz sind wir in Reisebusse umgestiegen um nach einer gefühlten Ewigkeit in Bonyhád mit einem Wasserglas voll bestem Pálinka willkommen geheißen zu werden. Jetzt hieß es Haltung bewahren, Augen zu und durch. Wir wurden alle privat untergebracht, die ungarische Gastfreundschaft war unbeschreiblich.
Der Musikverein und wir waren Wernaus kulturelles Aushängeschild und mussten für die Auftritte bei den Festakten proben. Wir hatten einen eigenen Zeitplan und konnten daher nicht an allen Besichtigungsangeboten teilnehmen. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel – leider! Der Weinkeller war einfach zu interessant und so mussten wir, auf Grund gewisser Koordinationsschwierigkeiten einzelner Tänzer vor dem Auftritt die Aufstellung kurzfristig ändern. Den Anschiss nach dem Auftritt hat sich keiner hinter den Spiegel gesteckt. Zukünftig hieß es: Erst tanzen dann trinken.
Zur Strafe wurde dann auch noch am Sonntag Kirchgang in Tracht befohlen. Wir waren „anwesend“ und die Hochachtung der Bonyháder war uns sicher.
Auch unser ungarisches Tanzprogramm nötigte den tanzkundigen Ungarn höchsten Respekt ab und hinter den Kulissen wurden wir bis in parlamentarische Kreise als – Achtung: „beste deutsche ungarisch tanzende Gruppe im Ausland“ gehandelt.
Das führte uns 1990 ins Stuttgarter Rathaus zum Auftritt bei einer Vertragsunterzeichnung für das ungarische Kulturinstitut, sowie nach Sindelfingen zum Empfang des ungarischen Ministerpräsidenten Jószef Antall. Gekrönt wurde die Serie 1991 mit dem Auftritt beim Empfang des ungarischen Staatspräsidenten Arpád Göncz und der LDU durch die Landesregierung und Ministerpräsident Erwin Teufel im Kloster Bebenhausen und einem emotionalen Erlebnis. Auf die Frage von Herrn Göncz, was uns denn mit Ungarn verbindet, erhielt er die Antwort: Unsere Heimat ist hier in Deutschland, unsere Wurzeln aber liegen in Ungarn. Als wir dann im zweiten Auftritt Dúnántuli tanzten und dazu sangen, hielt ihn nichts mehr auf seinem Platz. Er hatte Tränen der Rührung in den Augen, als er uns auf der Tanzfläche umarmte.
1991 war, abseits der Politik, ein Jahr der Entscheidungen. Das UFE war 20 Jahre alt, der Frühlingsball, unsere jährliche Traditionsveranstaltung verzeichnete rückläufige Besucherzahlen, unser ungarisches Repertoire umfasste stolze 16 Tänze – was also tun wir damit?
Wir veranstalteten einen letzten bombastischen Jubiläumsfrühlingsball mit der Kapelle Szélkerek aus Bonyhád und einem Vorprogramm auf einer kleinen Bühne im Foyer der Stadthalle sowie den Spinning Twins mit Artistic & Comedy im Foyer- und Saalprogramm. Eine grandiose Veranstaltung der Superlative und ein wirklich würdevoller Abschluss unserer Frühlingsballtradition. Ab da präsentierten wir unsere Jahresarbeit mit den Nachwuchsgruppen bei den Schwabenbällen und im kleineren Rahmen in einer Herbstveranstaltung.
Im Herbst des gleichen Jahres gingen wir noch mit der ungarischen Volksmusik-kapelle Varacskos Disznók, Kálmán Balogh am Zymbal und unserem 2-stündigem Live-Programm nach der Premiere in Wernau auf „Tournee“ nach Heidenheim und in die Liederhalle. Wir haben alles gegeben.
Ich weiß nicht, wie wir das alles damals geschafft haben. Und alles ohne die heutigen digitalen Möglichkeiten und Erleichterungen – oder gerade deshalb? Gerade weil wir uns auf eine Sache konzentrieren mussten, weil hier Kreativität, Einfallsreichtum und Engagement gefragt waren und weil das Ergebnis dieser Anstrengungen hautnah und immer in einer Gemeinschaft erlebbar war. Anonymität war zu dieser Zeit quasi ein Fremdwort.
Noch sind wir nicht im 21. Jahrhundert angekommen. Es gibt noch einiges zu berichten.

Bleibt gespannt.
Eure Babs

50 Jahre UFE - Beinahe ein ganzes Leben Teil 14 ~/?x=entry:entry220919-183843 2022-09-19T18:38:43+00:00 2022-09-19T18:38:43+00:00

14_1987_Programm.jpgDie Entwicklung unserer Tanzgruppe geht steil nach oben und zwar so rasant, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll und wie so eins ins andere gegriffen hat. Vielleicht machen wir zwei Zeitrechnungen auf: Eine Vor- und eine Nach-Márti Zeit.
Auch in der Vor-Márti Zeit waren wir schon international unterwegs. Wer damals welche Strippen gezogen hat – ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls kamen wir zum „Ball der Nationen“ in die Stuttgarter Liederhalle und trafen dort auf Tanzgruppen, mit denen wir auf einer Wellenlänge waren. Als da waren: „Spanier“, „Ukrainer“ und „Schotten“. Und zusammen mit der Reutlinger Tanzgruppe hoben wir eine internationale Auftrittsreihe, die „Folklorade“ aus der Taufe. Es lief nicht ganz so, wie wir es uns gewünscht hätten. Immerhin haben wir aberzwei Auftrittsreihen durchgezogen und die Sache anschließend unter der Rubrik „Erfahrung sammeln“ abgelegt.
Dann kam Márti und, wie ihr wisst, eine totale Neuausrichtung unseres Tanzprogramms. Sogar Péter, der anfangs total skeptisch war ob der Tatsache, dass eine deutsche Tanzgruppe ungarisch tanzen will, hatte Feuer gefangen. Er, der Profi, sah in uns Potentiale, die für uns noch weit im Verborgenen schlummerten. Also stellten Márti und er uns für die nächsten 5 Jahre einen regelrechten Lehrgangsplan auf und peitschten in dieser Zeit sechs neue Tänze bis zur Auftrittsreife durch. (Domaházi, Stock- und Flaschentanz, Délalföldi, Dúnantúli und Szatmári). Wir hatten gut zu tun! Nicht zu vergessen, die Tänze, die wir schon hatten, sowie das ungarndeutsche Repertoire, das ab und zu ebenso einer Neuauflage bedurfte. Schließlich hatten wir mittlerweile 25 bis 30 Auftritte im Jahr zu bestreiten.
Wir Tanzleiter waren zu dieser Zeit sicher nicht immer „Everybody’s Darling“, wenn wir die Truppe triezten, kräftiger zu stampfen, die Beine höher zu heben, schneller zu drehen, lauter zu singen und dazu auch noch freundlich gucken. Das Ganze wiederholen und wiederholen, so lange, bis es auch auf der Bühne automatisch abgerufen werden konnte. Es war nicht immer einfach, aber der Erfolg gab uns recht und hat uns in immer größere Höhen getragen.
Haken wir jetzt im Jahr 1987 ein.
Zunächst änderten wir unseren Gruppennamen von Landestanz- und Trachtengruppe der Deutschen aus Ungarn in Ungarndeutsches Folklore-Ensemble, damit fühlten wir uns deutlich besser vertreten. Und dann fuhren wir mal wieder zweigleisig:
Mittlerweile waren wir ein bisschen zum städtischen Aushängeschild avanciert. Zu dieser Zeit streckte die Wernauer Verwaltung ihre Fühler nach Ungarn aus auf der Suche nach einer Partnerstadt. Mit ein Grund für diese Wahl war die große Zahl der ungarndeutschen Vertriebenen in Wernau, (nicht umsonst gab es eine „Paprikasiedlung“) die auch noch Kontakte nach Ungarn hatten und natürlich wir als Bindeglied. Wir hatten für dieses Jahr eine Einladung nach Keszhely am Plattensee und luden BM Roger Kehle, Vertreter der Stadtverwaltung und des Gemeinderates ein, uns zu begleiten um sich ein eigenes Bild von Ungarn und den möglichen Partnerstädten zu machen. Dazu erweiterten wir unsere Reise um einen Aufenthalt und einen großen Auftritt in Újpetre, einem der Heimatdörfer unserer Eltern. Von dort aus erfolgte eine erste Kontaktaufnahme mit Bonyhád. Unser Programm ergänzten wir mit deutschen Volksliedern („Horch, was kommt von draußen rein…“) – ein Hoch auf die Vielseitigkeit – und hatten außerdem noch Rüdiger und zwei weitere Musikanten im Gepäck. Die Fahrt war grandios und erfolgreich, zeigte sie doch Ungarn abseits der offiziellen Verwaltungswege und offenbarte die unendliche Gastfreundschaft der Menschen. Lange Rede…. 1989 wurde die Städtepartnerschaft mit Bonyhád unterzeichnet.
Auf dem zweiten Gleis kamen Márti und Péter mit dem Plan um die Ecke, unser gesamtes Tanzprogramm zu bündeln und in Begleitung einer ungarischen Volksmusikkapelle in einem 2-stündigen Programm auf die Bühne zu bringen. Puhaa! Jetzt bekamen wir Schweißausbrüche aber auch Sternchen in den Augen. Péter machte uns den Mund derart wässrig mit einem fertigen Plan, dass wir schließlich das Abenteuer wagten. Das war ein Ausflug in die Welt der Profis. Strengste Disziplin schon in der Vorbereitung (Beine gleich hoch, Kopf gerade, lächeln…), exakte Trachtenverteilung, sowie eine genaue Zuordnung der „Umziehhilfen“. Péter stand an der Generalprobe mit der Stoppuhr da und korrigierte die Wege von der Bühne zur Garderobe. Wir hatten z.T. nur ein Musikstück Zeit, um uns komplett zum nächsten Tanz umzuziehen. Die Trachten waren teilweise hinter der Bühne in der richtigen Reihenfolge geschichtet, der Helfer/die Helferinnen standen bereit. Die Musiker von Méta hatten vorab unsere Tanzmusik bekommen und spielten live zu unseren Tänzen – ein völlig neues Tanzgefühl! Und dann ging’s los. Die Stadthalle war brechend voll, wir tanzten uns die Seele aus dem Leib und ernteten stehenden Applaus. Es war ein unbeschreibliches Glücksgefühl, Márti und Péter platzten vor Stolz. Wir wiederholten die Vorstellung noch in der Stuttgarter Merz-Schule, sowie in Ostfildern.
Das war der erste Ausflug ins Profilager, aber nicht der letzte.
Fortsetzung folgt.

Bis dahin
Eure Babs

50 Jahre UFE - Beinahe ein ganzes Leben Teil 13 ~/?x=entry:entry220905-111754 2022-09-05T11:17:54+00:00 2022-09-05T11:17:54+00:00

13_1991_D-Gruppe.jpgFamilien- und Berufsleben und Tanzgruppe – wie passt das zusammen?
Naja, das Berufsleben gestaltete sich in den 80ern doch deutlich anders als heute. Weit weniger global. Industrielle Auslagerungen ins Ausland (Asien, China, „Ostblock“) waren eher die Ausnahme, noch waren Wirtschaft, Politik und auch die Technik nicht so weit, um problemlos international agieren zu können. D.h. auch wir waren eher „standorttreu“ und konnten unser zeitintensives Hobby regelmäßig ausüben.
Aber wie passt Familienplanung da rein? In vielen Tanzgruppen war mit Hochzeit und erstem Kind Schluss mit tanzen für die Tänzerinnen und Tänzer. Das war für uns keine Option – wir haben es mal wieder anders gemacht. Wir haben unsere Kinder – und die purzelten ab 1983 reihenweise in unser Leben – wo immer es ging, mitgenommen. Sie waren der wichtigste Teil unseres Lebens und wuchsen ganz selbstverständlich in den nun zweitwichtigsten Teil, die Tanzgruppe, hinein. Ein riesengroßes Dankeschön gebührt an dieser Stelle unseren Eltern und deren engagierten Großelterndiensten, ebenso den nicht-aktiven Mamas und Papas, die es uns Tänzerinnen und Tänzern erst ermöglichten, unser Hobby in diesem Umfang weiter zu betreiben.
Und somit wuchs mit jedem Baby unsere „Tanzgruppenfamilie“. Angefangen bei Katharina über Dennis, Bianca, Miriam, Nico, Sinja Tobi, Maresa und, und, und… es krabbelte und wuselte zunehmend bei uns. Natürlich organisierten wir nach wie vor Gruppenausflüge, Hüttenaufenthalte, ob an Silvester oder einfach so zwischendurch. Wir beteiligten uns an zahlreichen Straßenfesten mit Auftritten und einem Stand z.B. in der Hauptstraße vor „Ali’s Bar“ (liebe Birgit, das war super, vielen Dank für deinen langen Geduldsfaden) mit Kesselgulasch und ungarischer Paprikawurst. Wir trafen uns im Freibad, dort hatten wir fast schon ein eigenes Areal, und feierten selbstverständlich Geburtstage miteinander. Musste einer umziehen, stand die Gruppe parat, ebenso wenn es galt, ein Dach zu decken. Und immer, wirklich immer, waren die Kinder mittendrin. Irgendeiner oder auch zwei oder drei hatten ein wachsames Auge auf die Zwerge und die hatten immer einen Ansprechpartner, wenn Mama oder Papa mal nicht greifbar waren, ganz zu schweigen von Spielkameraden, die für jeden Blödsinn zu haben waren. (Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm).
Es waren bestimmt so an die 30 Kinder, die im Laufe der Jahre in mehr oder weniger großen Altersabständen unser Gruppenleben bereichert haben.
Zu dieser Zeit trat die musikalische Früherziehung der Musikschule in unseren Fokus. Ich, als ehemalige Erzieherin im Kindergarten, dachte mir: „Was die können, können wir auch. Wir haben Musik, wir haben Kinder, ich habe Kinderlieder, Reime und Fingerspiele, Kindertänze zu kreieren war kein Problem und verschiedene Klanginstrumente kann man kaufen. Also lasst es uns doch mit einer „D-Gruppe“ im Kindergartenalter versuchen!“ Wir starteten einen Aufruf, zunächst im erweiterten Bekanntenkreis, und hatten innerhalb kurzer Zeit ca. 20 tanzwillige Kinder im Training. Es machte einen Heidenspaß, auch wenn ich manchmal tief in die didaktische Kiste greifen musste, um diesem „Ameisenhaufen“ Herr zu werden. Aber wir haben viel gelacht, gesungen und gespielt, manchmal auch gestritten, wenn sich Jungs und Mädchen nicht gegenseitig anfassen wollten, und wir haben vor allem getanzt. Und so kam es, wie es kommen musste, wir haben wieder mal Trachten genäht. Ganz neue, ganz kleine Hemden, Leibchen, Blüschen und Blaudruckröcke und -tücher. Sie waren zuckersüß und ernteten bei ihrem ersten Bühnenauftritt stürmischen Applaus. Das war, glaub ich, so manchem Kind nicht ganz geheuer. Jetzt sind wir also bei der nächsten „Tanzgeneration“ angekommen. In den weiteren Folgen schau’mer mal, wie’s weitergeht.
Bis dahin
Eure Babs.